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Panel + Diskussion: Um des lieben Friedens willen? Nach der Leipziger Jahresausstellung

Dienstag, 30. Juli 2019, 18 – 20 Uhr

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstr. 10, 04109 Leipzig

Im Juni 2019 entwickelte sich die öffentliche Diskussion um die Leipziger Jahresausstellung (LJA) schnell zu einer Debatte über die Kunstfreiheit. Der Abend des 30. Juli wird sich mit der Frage beschäftigen, wie es um diese Freiheit in Sachsen, Deutschland und Europa bestellt ist. Vom Podium soll erörtert werden, wo die gegenwärtigen Gefahren für die Kunstfreiheit liegen und ob eine solche Debatte von den politischen Gefahren der populistischen und extremen Rechten nur ablenkt. Wie kann eine konstruktive Nachbearbeitung des Komplexes der Leipziger Jahresausstellung aussehen, was kann man daraus lernen und welche Perspektiven fehlen in der Diskussion?

Eine Veranstaltung des Forums für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst und dem #MdbKLeipzig

Mit Britt Schlehahn, Kunstredakteurin, Stadtmagazin kreuzer)
Patrice Poutrus (Zeithistoriker und Migrationsforscher, Universität Erfurt)
Christoph Becker (Programmleiter Gesellschaftspolitik, LibMod - Zentrum Liberale Moderne)

Moderation: Thomas Bille, mdr

kostenloser Eintritt

Zusammenfassung

Thomas Bille:

Ich frage mich und folge da einer der grundlegenden Thesen des Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, Christoph Becker, leben wir in Zeiten des Kulturpessimismus?

Wie können wir Verortung und Zugehörigkeit wieder finden? Die Antwort darauf muss eine freiheitliche Antwort sein. (Christoph Becker)
Christoph Becker:

Seit einem Jahr haben wir ein Projekt am Zentrum Liberale Moderne, in dem wir versuchen, die antiliberalen Strömungen und die Kontinuität dieses Denkens seit den 1920er Jahren bis heute aufzuzeigen. Da gibt es bestimmte Vordenker, Carl Schmitt, Oskar Spengler, Martin Heidegger, Ernst Jünger, die ein Denken geformt haben, was damals große Wirkmächtigkeit entfaltet hat und das auch heute wieder reichlich rezipiert wird – In Schnellroda, und der Jungen Freiheit, aber auch in bürgerlichen Kreisen. Das ist ein Denken, welches man gut als Kulturpessimismus beschreiben kann. Das macht sich daran fest, dass die Moderne nicht mehr als positive Zukunftserzählung empfunden wird, sondern mehr als eine Zerfallsgeschichte. Zerfall von Kultur, von Identität, von Zugehörigkeit und Verortung. Der Vorwurf ist, der Materialismus beherrsche die Welt, es gäbe nur noch einen technischen Zugriff auf die Welt und ein rein rationales Verhältnis zu ihr würde vorherrschen. Es gäbe sozusagen keine Tiefe, keine Bedeutung und keine Seele mehr. Ich denke, dass man in der Debatte, die seit 2015 ganz massiv und zentral geworden ist, aber sich schon vorher abgezeichnet hat, eine solche Stimmung in der Bevölkerung wieder spüren kann. Das ist nicht nur eine Stimmung die per se rechtsextrem ist, sondern auch im Bürgertum kann man diesen Pessimismus spüren.

Gibt es denn auch Kulturoptimismus?

Christoph Becker:

Bei dem, was ich eben beschrieben habe, geht es um ein Hadern mit der Moderne und die Frage ist nun, wie man dem begegnet. Ist die Antwort darauf, dass man zurückgeht in eine Regression, dass man sagt man will Gegenaufklärung und wieder in vormoderne Zustände zurück? Das würde zu allererst bedeuten, die individuellen Freiheiten, die wir durch die Aufklärung gewonnen haben für ein diffuses Bild von Gemeinschaft, Zugehörigkeit und identitärer Verortung aufzugeben. Oder stellen wir uns diesem Problem und fragen uns, wie wir mit der Moderne, den damit verbundenen Freiheiten und einer Auflösung von gesellschaftlichen Bindekräften umgehen. Es gibt Leute, die das sehr gut können. Für den homosexuellen Jungen aus einem erzkonservativen Umfeld, ist genau das eine grosse Befreiung. Er geht in die Stadt und kann dort sein Leben ohne Bevormundung und Einschränkung leben. Für den Teil, der damit nicht gut umgehen kann, produziert das wiederum Ängste. Wie können wir Verortung und Zugehörigkeit wieder finden? Die Antwort darauf muss eine freiheitliche Antwort sein.

Britt Schlehahn, leben wir immer noch in liberalen Zeiten? Ist der Liberalismus in Gefahr oder sind wir eigentlich verdammt gut aufgestellt?

Britt Schlehahn:

Was die Aufstellung angeht, gibt es noch einen Trainingsrückstand. Was wir seit einigen Jahren hier in Sachsen erleben, ist eine Art Demokratietraining, wie es vielleicht 1968 in Westdeutschland stattgefunden hat. Es geht dabei darum, wie halte ich Demokratie aus und wie gestalte ich Demokratie? Natürlich war der Runde Tisch ein demokratisches Ensemble, aber es hat sich mittlerweile auch eine ganz andere Gesellschaft herausgebildet – auch bedingt durch die Technisierung etc. Heute muss wieder erlernt werden, dass beispielsweise in den sozialen Medien viele Meinungen im Raum stehen.

Ich wäre für einen positiven Pragmatismus, bei dem es darum geht, dass die Leute mit historischen Tatsachen arbeiten und sich nicht die Welt so bauen, wie es ihnen gefällt. (Britt Schlehahn)
Britt Schlehahn:

Man muss Kompetenzen entwickeln, um einschätzen zu können, ob es nur irgendein Bauchgeschwür ist was spricht, oder etwas geäussert wird, was gesellschaftlich relevant ist. In Leipzig haben wir da eine gute Voraussetzung – zwar auch nicht immer – aber ich möchte nicht kulturpessimistisch sein. Ich wäre eher kulturpragmatisch, also für einen positiven Pragmatismus, bei dem es darum geht, dass die Leute nicht nur nachdenken, sondern mit historischen Tatsachen arbeiten und sich nicht die Welt so bauen, wie es ihnen gefällt. Da muss man eben viele Sachen aushalten und wir sind jetzt gerade dabei das aushalten zu müssen. Das bedeutet aber nicht die Hand nur hinzuhalten, um Schläge zu bekommen.

Historische Tatsachen, Patrice Poutrus, sind wir insgesamt geneigt historischen Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen oder sind die privaten Geschichtserzählungen schlagend überzeugender?

Die Anerkennung von historischem Wissen hängt im Wesentlichen davon ab, welche Vorstellung man von sich und der Welt hat. (Patrice Poutrus)
Patrice Poutrus:

Es gibt historische Tatsachen. Allerdings verhalten sich die Zeitgenossen sehr unterschiedlich dazu. Zu Heinrich Breloers Film „Speer und Er“ gab es ein aufschlussreiches Making-of. Hier ging es u.a. darum, den Speer-Töchtern Quellen über die Verstrickung des Vaters in den Holocaust zu zeigen. Das hatten sie immer bestritten, um den Mythos des gebildeten und guten Nazis aufrechterhalten zu können. Breloer zeigt Orginaldokumente, die diese Verstrickungen beweisen und die erste Frage, die eine der Töchter stellt, ist: Sind diese Dokumente echt? Darin liegt ein Problem in der Anerkennung von historischen Tatsachen. Es ist keineswegs so, dass historische Tatsachen für sich selbst sprechen und umgekehrt ist es auch nicht so, dass sie eine eigene, automatische Anerkennungskraft besitzen. Historische Tatsachen finden ihre Anerkennung in bestimmten Kontexten. Es ist kein Zufall, dass im Zuge der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die liberale Gesellschaft, was ich für einen ziemlich unglücklichen Begriff halte, weil der soviel vermischt, was man eigentlich auseinandernehmen sollte….

Welcher Begriff wäre besser?

… mein Begriff wäre die offene Gesellschaft und das meint eigentlich mehr als liberal. Aber zurück zu den Tatsachen. Es ist so, dass die Anerkennung von historischem Wissen im Wesentlichen davon abhängt, welche Vorstellung man von sich und der Welt hat. Da kann es durchaus passieren, dass man erstmal, wie die Speer Tochter, die Quelle in Frage stellt, weil die Selbstpositionierung und die eigene Welt dadurch in Frage gestellt wird. Und in so einem Prozess befinden wir uns gerade. Scheinbar gesicherte Überlegungen und Übereinkünfte in der Gesellschaft werden grundsätzlich in Frage gestellt. Nicht im Sinne eines allgemeinen Skeptizismus, sondern im Sinne der Überwindung dieser Übereinkünfte. Bestimmte Standards werden als unbequem und als im Weg stehend angesehen und man ist bereit, diese nicht nur in Frage zu stellen, sondern auf diese zu verzichten.

Wir haben noch ein anderes Phänomen, DDR 2.0. Das hört man relativ oft als Schlagwort und meint – wenn ich es richtig verstehe – eine unterstellte links-liberale Mainstream-Meinung, vertreten von den öffentlich rechtlichen Medien, zu denen ich sehr gerne gehöre. Diese Mainstream-Meinung, die man ausmacht und der man sich genau so wenig unterordnen möchte, wie Weiland der Meinung des Schwarzen Kanals – Patrice Poutrus, wo kommt das her?

Patrice Poutrus:

Ich bin damals nicht zuerst mit auf die Straße gegangen. Ich habe das mit ziemlichen Befürchtungen beobachtet. Man könnte “DDR 2.0” einfach als wüste Übertreibung abtun. Mal abgesehen davon, dass jemand, der in der DDR sozialisiert wurde, wusste, dass eine Veranstaltung wie diese in der DDR nicht möglich gewesen wäre. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Behauptung aber ein doppeltes Konzept. Nämlich die liberale Demokratiein Verruf zu bringen und gleichzeitig die vermeintlichen oder tatsächlichen Errungenschaften der DDR anzurufen. Darin liegt etwas schwer greifbares, was wahrscheinlich auch die Attraktivität dieses Phänomens ausmacht.

Christoph Becker, führt das dann auch zu einer Renaissance rechter Vordenker?

Es ist nie richtig der Schritt vollzogen worden, dass man selber Teil einer Gesellschaft ist und selbst Verantwortung übernimmt. (Christoph Becker)
Christoph Becker:

Die Vordenker, die in Schnellroda unterwegs sind, sind größtenteils Westdeutsche, wie auch weite Teile der Führungsfiguren im rechtskonservativen Lager. Ich habe das Gefühl, dass DDR 2.0 eine Verbindung aus einer nicht abgelegten Obrigkeitshörigkeit ist – nämlich dass die Regierung oder „Die da oben“ das hier irgendwie machen müssen – und einer gleichzeitigen Empörung, also wenn sie das nicht nach den eigenen Vorstellung machen, man sie gleich zum Teufel jagen möchte. Das war eine zeitlang in der DDR weitverbreitete Haltung, die dann irgendwann, als es möglich war das lauter zu sagen, auch lauter gesagt wurde. Aber es ist nie richtig der Schritt vollzogen worden, dass man selber Teil einer Gesellschaft ist, dass man also nicht das regierte Volk ist, sondern, dass man selber auch Staat und Gesellschaft ist und selbst Verantwortung übernimmt.

Nein, ich glaube das ist so nie richtig angekommen, Herr Becker.

Christoph Becker:

Der Verweis auf 68 war schon ganz interessant. Ich komme nicht aus dem Westen und wäre auch zu jung, aber so wie ich es aus den Geschichtsbüchern kenne und das bei Leuten aus Westdeutschland erlebe, waren die 68er schon eine Emanzipationsgeschichte. Meiner Wahrnehmung nach, haben die Leute damals beschlossen, das jetzt mal selbst in die Hand zu nehmen.

Die 68er haben sicher einen großen Beitrag zur Öffnung der Gesellschaft geleistet. Wenngleich diese Öffnung nicht jedem gefallen hat. Das war ein spannender Prozess, der dauert wahrscheinlich bis heute an. Eine Geschichte hat mich sehr befremdet im vergangen Herbst. Da gab es die Trennung von Axel Krause von seiner Galerie Kleindienst. Ich habe mir die Bilder angeschaut und habe mich dann mit ihm verabredet, um mit ihm über seine Kunst zu reden. Das war sehr interessant. Dann haben wir über Politik geredet und das wurde dann ein ganz anderes Gespräch. Da war ich keineswegs mehr bei ihm, habe das aber zur Kenntnis genommen. An diesen Besuch muss ich immer wieder denken, wenn Rainer Schade mit den Worten zitiert wird: “Da gibts den Maler, der macht tolle Bilder und deshalb haben wir ihn reinjuriert und ich schaue jetzt nicht, was der für eine politische Einstellung hat”. Bei Axel Krause ist es schwer gewesen seine politische Einstellung nicht zu bemerken. Sobald man sich bei Facebook aufgehalten hat, konnte man seine penetrante, bösartige Art und Weise, mit der er da aufgetreten ist, beobachten. Gleichwohl die Frage, Britt Schlehahn, wenn ich anfange den Künstler und den Zeitgenossen getrennt oder zusammen anzuschauen, darf ich dann nichts mehr gut finden von Menschen, die keine charakterlich einwandfreien Vorbilder sind? Da würden mir einige einfallen.

Man muss sich bewusst machen, dass man mit den Rechten rechnen muss, wenn man irgendwas mit ihnen veranstaltet. (Britt Schlehahn)
Britt Schlehahn:

Das muss jeder für sich entscheiden und das hat auch mit positivem Pragmatismus zu tun. Da sie jetzt auf das konkrete Beispiel kommen, es hätte der Jury klar sein müssen, was diese Einladung mit sich bringt. Es gab schon nach Veröffentlichung der Liste im April erste Proteste und Fragen nach dem Warum. Dadurch, dass Krause Teil einer rechten Kulturbewegung ist, muss ich wissen, dass ich durch seine politischen Anhänger*innen okkupiert werden kann. Die Frage ist, ob so ein absehbarer Streit rational geklärt werden könnte. Dass das nicht stattfindet, hätte man wissen müssen. Krause wurde prompt nach der Entlassung von Kleindienst von rechtsradikalen Kulturformaten interviewt und als neuer, vorangehender, junger, alternativer Künstler idealisiert. Allein biographisch ist das schon totaler Quatsch. Es geht nicht darum, dass man eine Zentralzensur einführt, sondern, dass man sich bewusst macht, dass man mit den Rechten rechnen muss, wenn man irgendwas mit ihnen veranstaltet. Das ist kein Spaß der morgen wieder vergeht, sondern man muss sich langwierig damit auseinandersetzen. Ich nehme Axel Krause übel, dass ich mir bei meiner Recherche lauter rechtspopulistische und rechtsradikale Sachen durchlesen musste. Aber es ist dann nunmal unumgänglich und man muss es machen.

Herr Poutrus, was sagt der Historiker zur möglicherweise ganz nützlichen Trennung von Künstler und Zeitgenosse und von den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man das übereinander legt?

Patrice Poutrus:

Ich bin mir gar nicht sicher ob das überhaupt übereinander gelegt wird. Ist es nicht eigentlich so – und dafür bewundere ich Künstler immer – dass sie die Trennung zwischen öffentlicher Person und privater Person auf eine ganz individuelle Weise durch ihre Kunst überwinden? Sie überwinden das, was andere Entfremdung genannt haben, bei der die Persönlichkeiten in Teile aufgespaltet werden, die immer nur in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen gelten. Jetzt haben wir die genau umgedrehte Forderung genau dies zu tun. Das geht auf Debatten zurück, die über DDR Kunst nach 1990 geführt wurden. Hier wurde immer gesagt, dass die Person und ihr künstlerischer Ausdruck nicht auseinanderzuhalten sind und dass sich die Ausdrucksform in der Person auch wiederfindet. Das fand ich immer plausibel, obwohl das eine extrem schmerzhafte Auseinandersetzung ist.

Es gibt in der Debatte um solche Phänomene eine Maßlosigkeit in der Kategorienbildung, die überhaupt nicht mehr den Unterschied zwischen schwierigen Konflikten und politischem Terror erkennen lässt.(Patrice Poutrus, Uni Erfurt)

Um also nochmal auf DDR 2.0 zurückzukommen frage ich: Gibt es ein Arbeitsverbot? Werden die Bilder abgehängt? Wird die ökonomische Existenz des Künstlers bedroht? Das war DDR 1.0! Es gibt in der Debatte um solche Phänomene eine Maßlosigkeit in der Kategorienbildung, die überhaupt nicht mehr den Unterschied zwischen schwierigen Konflikten und politischem Terror erkennen lässt. Das kommt ausgerechnet von denjenigen, die an anderer Stelle – wie Herr Krause selber auch – politischen Terror für legitim halten. Wenn andere Künstler sagen, dass sie mit dem Kollegen nichts zu tun haben wollen und mit ihm auch nicht ausstellen wollen, dann finde ich das mindestens so legitim, wie ich die Äußerungen von Herrn Krause unangenehm finde. Es wird ein doppelter Standart behauptet um einen doppelten Standart durchzusetzen. Nämlich, dass bestimmte Personen und bestimmte Äußerungen frei gemacht werden von Kritik. Es kann auch durchaus fundamentale Kritik sein, wenn man menschenfeindliche Äußerungen kritisiert. Den Kolleg*innen von Herrn Krause, die sich zustimmend geäußert haben, ging es genau darum und nicht um seine Bilder. Hier so eine Verwischung herbeizuführen, finde ich vor allem problematisch. Es ist eben nicht so gewesen, dass eine Abnahmekommission nochmal durch die Ausstellung gegangen ist – das war DDR 1.0, wo Jurys am Ende auch immer belämmert da standen, weil ihre Entscheidungen nochmal politisch umgewertet wurden. Das hat hier nicht stattgefunden. Hier ein Gleichheitszeichen zu setzen, ist auch ein sicheres Zeichen dafür, dass man eigentlich gar keine Auseinandersetzung führen will. Sondern hierbei geht es darum, sich selbst durchzusetzen. Was die offene Gesellschaft braucht, ist die Auseinandersetzung um solche gegensätzlichen Positionen und nicht nur die Bewertung eines Ergebnisses.

Christoph Becker:

Ich kann das nochmal unterstreichen. Es gibt eine Strategie in der Neuen Rechten, sich als Opfer darzustellen. Das folgt einerseits dem Ziel eine Wagenburgmentalität herzustellen, also zu behaupten, dass einem ständig vorgeschrieben wird, was man sagen darf und was man denken soll und andererseits will man jede Kritik mundtot machen. In einer offenen Gesellschaft kann man jeden Blödsinn sagen, das ist das freie Recht eines jeden, man muss aber auch Kritik aushalten, wenn andere sagen, dass sie das Gesagte nicht in Ordnung finden. Das ist nicht der Versuch einen zum Schweigen zu bringen.

Also, ich habe einen Künstler, der äußert sich meiner Ansicht nach politisch problematisch. Ich bewerte den politischen Zeitgenossen. Nach welchen Kriterien? Wo wird es unerträglich? Was ist zulässig im Meinungsspektrum? Was ist gedeckt durch die Meinungsfreiheit? Wann mache ich mich selbst der Gesinnungsschnüffelei verdächtig?

Christoph Becker:

Grundsätzlich ist alles erlaubt, was nicht durch die Verfassung verboten ist. Es gibt nur eine ganz kleine Einschränkung der Freiheit zur Meinungsäußerung. Das ist die Leugnung des Holocaust und das zeigen verfassungsfeindlicher Symbole. Ansonsten kann jeder jeden Blödsinn behaupten, auch Verschwörungstheorien, da gibt es keine Vorschriften. Letztlich müssen also die Leute sich selbst entscheiden, ob sie mit so jemandem etwas zu tun haben wollen.

Wenn ich jetzt versuchen würde – das ist auch tatsächlich vorgefallen – AfD nahe Symbolik in Axel Krauses Bildern auszumachen; Die Behauptung, dass ein blaues Bild auf die AfD hindeutet, versaut einem doch alles. Oder wie sehen Sie das Frau Schlehahn?

Warum soll ein Kunstwerk heilig sein bevor es überhaupt getrocknet ist? (Britt Schlehahn)
Britt Schlehahn:

Warum soll ein Kunstwerk heilig sein bevor es überhaupt getrocknet ist? Ich finde es problematisch, wenn man bestimmten Leuten einen Schutzraum zuspricht, weil man selber bestimmte Sachen einfach nicht sehen möchte. Auf der einen Seite gibt es so eine Debatte, die wir hier gerade zum Anlass nehmen zu sprechen, aber auf der anderen Seite funktioniert das Leben da Draussen ganz anders. Man muss schauen, welche Rolle Kunst und Kultur in der Gesellschaft spielen soll. Wenn man sie als ein Orientierungssystem sieht, muss man bitte auch mal über Inhalte sprechen und sie auch als Bildung auffassen.

Patrice Poutrus:

Man muss sagen können: Ich lehne seine politischen Positionen ab und will deshalb auch nicht weiter mit ihm kooperieren und es muss auch möglich sein zu sagen, dass ich die Kunst auch furchtbar finde. Dann ist immer noch zu diskutieren, auf welcher Grundlage solche Urteile gefällt werden. Aber per se zu sagen, dass es außerhalb der Debatte ist einen Künstler für sein Werk auch abzulehnen ist deswegen schon problematisch, weil die Möglichkeit des Irrtums dann gar nicht vorkommt. Man kann seine Position ja auch revidieren oder vielleicht revidiert auch der Künstler seine. Aber bestimmte Immunisierungsstrategien in einer kontroversen Debatte einzuführen, das wäre die Einengung des Diskurses. Es muss möglich sein eine Debatte darüber zu führen was Inhalt, Form und auch die öffentliche Wirkung eines Künstlers ist. Dies dann zu skandalisieren ist für mich das eigentliche Problem. Genau mit diesen konflikthaften Auseinandersetzungen um die Kunst nicht umgehen zu können, weil man sich wünscht, dass das ein Bereich ist, der sich fern der politischen Realität befindet, darin steckt ein unglaublich großes Problem auch für unsere Gesellschaft. Die Kunst ist nicht der Bereich in den wir entfliehen können, wo wir jenseits unserer sonstigen alltäglichen Widersprüchlichkeit das finden können, was wir sonst nicht haben. Wer das glaubt ist viel dichter am sozialistischen Realismus dran, als er eigentlich denkt.

Die Kunst ist nicht der Bereich in den wir entfliehen können. (Patrice Poutrus)

Wobei es zwischen den Künsten auch große Unterschiede gibt, also bei der Fragestellung, um was für einen Zeitgenossen es sich handelt. Musiker*innen sind da fein raus, Herr Becker, Schriftsteller haben ein Problem, weil man verstehen kann was sie sagen, oder?

Christoph Becker:

Da fällt mir die Band Freiwildt aus Südtirol ein. Die hatten einen riesen Eklat bei der Echo Verleihung.

Patrice Poutrus:

Tatsächlich ist dieser Konflikt ein bisschen ähnlich gewesen. Das ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands, die große Hallen füllen und die eine spezielle Fanszene haben, die meine urbane Lebensqualität ein wenig einschränken. Leuten, die mit Freiwildt-Tätowierungen auf den Straßen unterwegs sind, gehe ich lieber aus dem Weg. Es ist kein Zufall, dass bestimmte Künstler und bestimmte Autoren bestimmte Leute anziehen. Aber auf einen Punkt müssen wir zurückkommen. Freiwildt haben selber ein Problem damit, wenn sie angegriffen werden, obwohl sie permanent im Angriffsmodus sind. Die lieben ihre Opferrolle. Ich kenne das Argument von ihnen, zwischen Kunst und Künstler trennen zu müssen, aber ich finde es unglaublich problematisch. Wie gesagt, ich beneide Künstler in gewisser Weise, weil sie dieses Sphärenhopping nicht machen müssen. Das läuft auf eine Vorstellung hinaus, die selbst auch lebensfremd ist.

Ich wollte auch nochmal das Thema Erregung ansprechen. Ich fand früher verbotene Bücher total sexy, weil sie verboten waren, musste ich sie unbedingt lesen und bekommen. Das kann sicher jeder nachvollziehen. Möglicherweise hat Freiwildt auch Fans weil so kritisch über sie geredet wird?

Patrice Poutrus:

Die werden doch nicht verboten. Das ist der zentrale Punkt. Hier wird eine Rhetorik behauptet, die in den Köpfen der Leute Fakten schafft, die nicht vorhanden sind.

Gut, ich bleibe trotzdem dabei, dass ich die Erregung auf beiden Seiten (Leipziger Jahresausstellung) nicht wirklich nachvollziehen konnte. Wenn ich Wolfgang Ullrich in einem Gespräch mit dem Kreuzer folge, dann ist es ja auch gänzlich überflüssig, sich bei Kunst überhaupt irgendwie aufzuregen. Ich zitiere: “Kunst spielt nicht nur keine entscheidende Rolle, sondern gar keine nennenswerte Rolle bei der Meinungsbildung. Sie ist oft sehr hermetisch, sehr voraussetzungsreich und nicht so angelegt, dass sie propagandistisch und politisch sein könnte.” Herr Becker, Sie haben weniger zu tun, wenn Sie dem folgen.

Christoph Becker:

Das mag auf die bildende Kunst, wenn sie abstrakt und weniger figurativ ist, zutreffen. Gerade bei Freiwildt sehe ich das gar nicht so. Die sprechen in ihren Texten ein konkretes Lebensgefühl aus, dass großen Anklang in bestimmten Kreisen findet, die auch mit den entsprechenden politischen Einstellungen korrelieren. Wenn Gruppen zusammentreffen und ein Wir-Gefühl feiern wollen, dann ist die Musik die das ausdrückt eine entscheidende Zutat. Insofern würde ich das Zitat, zumindest was manche Kunstformen betrifft, überhaupt nicht unterschreiben.

Frau Schlehahn, Sie haben das Gespräch mit Ullrich geführt. Haben Sie ihn verstehen wollen oder können?

Die Frage ist doch, wer überhaupt über Bilder spricht. (Britt Schlehahn)
Britt Schlehahn:

Ich verstehe es, weil es so ist. Natürlich möchte man das nicht gerne hören und nicht gerne wissen, aber die Bildende Kunst ist, selbst wenn wir die Kunstinteressierten mit dazu zählen, nur ein ganz kleiner Teil der Gesellschaft. Die Frage ist doch, wer überhaupt über Bilder spricht.

Herr Poutrus, was halten Sie von diesem Urteil, die Kunst spiele gar keine Rolle bei der Meinungsbildung?

Patrice Poutrus:

Ich rede jetzt nur von mir, dann ist es nicht so generalisierend. Für mich hat Kunst in der DDR immer eine extrem große Rolle gespielt. Ob die, die an der Entstehung des Kunstwerkes nicht beteiligt waren, es genau so aufnehmen wie es vom Künstler intendiert war, oder das Werk anders interpretieren, ist noch eine andere Frage. In der Geschichtswissenschaft fragen wir immer nach dem Kontext, nach der Zeit, nach den entsprechenden Umständen. Solche Auseinandersetzungen finde ich produktiv und nicht dieses “schau das Bild an und dann verstehst Du die Welt besser”. Das ist eine totale Überforderung, wie ich es auch umgekehrt für falsch halte zu sagen “du schaust das Bild an und du verstehst nichts oder es bedeutet nichts”.