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Verantwortung nur noch in Anführungsstrichen

Im letzten Jahr wurde im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über die Geschichte der Documenta von der Gründung 1955 bis 1997 gezeigt. Knapp die Hälfte des Organisationsteams der ersten Documenta waren Mitglieder in der SA, SS oder der NSDAP. Auch Werner Haftmann, der kreative Kopf der ersten drei Ausstellungen, hatte sich als Mitglied von SA und NSDAP dem antisemitischen und antimodernen Nationalsozialismus verschrieben. Mit der Documenta hatte er sich nun zur Aufgabe gemacht einen Überblick der künstlerischen Moderne zu zeigen.

Im Jahr 1954, ein Jahr vor der Eröffnung der ersten Documenta schreibt Haftmann: „Die moderne Kunst wurde als jüdische Erfindung zur Zersetzung des ‚nordischen Geistes‘ erklärt, obwohl nicht ein einziger der deutschen modernen Maler Jude war.“ Auf diese Weise ließ sich erklären, warum kein einziger der teilweise ermordeten jüdischen Vertreter der Moderne ausgestellt wurde.

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum war ein großer Erfolg mit internationaler Berichterstattung. Nicht alles war neu, trotzdem kam die umfassende Aufarbeitung erschreckend spät. Und nicht durch die Documenta selbst, sondern durch eine andere Institution, ein Museum.

Nun steht, wenige Wochen nach der Ausstellung in Berlin, ein Antisemitismusvorwurf gegen die aktuelle Documenta fifteen im Raum. Es geht um die Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“, BDS, wie so oft in diesen Tagen. Seit dem Beschluss des Bundestages von 2019, der BDS verurteilte und der darauffolgenden Initiative „GG5.3 Weltoffenheit“, die diese Verurteilung verurteilte, hat die Debatte einen festen Platz in den Meinungsbeiträgen und Feuilletons. Und nun einmal mehr: Einige Teilnehmer unterstützen die BDS-Bewegung aktiv oder halten sie eher noch für zu harmlos. Weil eben dies bestritten wird: Könnten sie die Einschätzung begründen?

Wegen der Vorwürfe gegen die im Juni startende Schau wurde nun das erste Mal eine öffentliche Diskussion geplant mit dem Titel „We need to talk“ - und zwar nicht über Antisemitismus, sondern über die Freiheit der Kunst. Diese Verschiebung des Kerns der Debatte konnten wir schon bei der Initiative GG 5.3 erleben, die sich nach dem Grundgesetzartikel zur Meinungsfreiheit benannt hat. Deren Unterstützer distanzierten sich damals noch brav von BDS. Das muss man schließlich, wegen der besonderen deutschen Verantwortung. Die Meinungsfreiheit in Deutschland sahen die Unterzeichner aber bereits durch den Beschluss des Bundestages in Gefahr. Man könnte sich nun natürlich fragen, ob das nicht bedeuten würde, dass sich die zahlreichen Unterzeichner bereits wegen der ganz besonderen deutschen Verantwortung um die eigene Meinungsfreiheit betrogen fühlten.

Wenn man sich im Fall der Documenta fifteen die ersten Reaktionen aus der deutschen Kunstwelt so anschaut, drängt sich eine Frage auf: Besteht eine Kontinuität in der Kultur der Konfliktlösung zwischen der späten Aufarbeitung der Geschichte der Documenta und der Reaktion auf die aktuellen Antisemitismusvorwürfe durch die Documenta?

Die Chefredakteurin des deutschen Kunstmagazins Monopol hält die Vorwürfe für reine Polemik und weiß, dass der Zentralrat der Juden die Gesprächsreihe der Documenta durch seine Kritik im Keim ersticken ließ – das Forum „We need to talk“ wurde Anfang Mai abgesagt. Dabei war der Rückzug von Teilnehmenden ein Resultat der schlechten Kommunikation seitens der Documenta mit dem Zentralrat der Juden. Auf diese Art und Weise kann man nachträglich eine Ausgangslage konstruieren, die tatsächlich jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema Antisemitismus obsolet macht.

Auch die Kuratoren der Documenta haben inzwischen mit einer Erklärung nachgelegt, die erklärt, was eigentlich alles kein Antisemitismus ist – und was nur als umstritten zu gelten hat. Dabei gelten die Beispiele, die im Statement als lediglich umstritten behauptet werden, bei der deutlichen Mehrheit der Antisemitismusforscher als völlig eindeutig. Auch die beschworene historische Verantwortung findet sich im Statement nur noch in Anführungszeichen.

Ansonsten darf auch eine gequälte Formel nicht fehlen, nach der die Juden selbst den Kampf gegen Antisemitismus torpedieren: „Wird der Antisemitismusvorwurf auf diese Weise ausgehöhlt, ist dem Kampf gegen Antisemitismus nicht geholfen. Im Gegenteil: es wird damit der antisemitischen Identifizierung von Handlungen des israelischen Staates mit jüdischen bzw. jüdisch markierten Menschen das Wort geredet.“ Was der Text jedoch am Ende schuldig bleibt, ist eine Erklärung, was denn eigentlich der richtige, wirkliche Antisemitismus sein soll.

Auch über die Autoren des Statements erfährt man wenig, obwohl man heutzutage großen Wert auf Sprecherpositionen legt. Es wäre zum Beispiel interessant zu wissen ob Charles Esche, der ruangrupa als Kuratorenteam für die Documenta ausgewählt hat, am Statement mitgewirkt hat. Immerhin war sein Vater Mitglied der Hitlerjugend und das von ihm geleitete Van Abbe Museum ist in einen unangenehm riechenden Restitutionsstreit über ein Kandinsky Bild verwickelt. Er selbst sieht sich aber auch als Opfer einer Besatzung, denn sein Hitlerjugend Vater lebte im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, bevor sie in die Niederlande gingen. Bei so einem heiklen Thema wie Antisemitismus sollte man mehr Transparenz darüber erwarten dürfen, wer hier für wen was sagt.

Als ungerechtfertigt empfundene Antisemitismusvorwürfe scheinen im heutigen Deutschland schwerer zu wiegen als Antisemitismus selbst. Wer würde sich nach der Shoah überhaupt noch selbst zum Antisemitismus bekennen? Kaum jemand – aber das deckt sich nicht mit den statistischen Erhebungen zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland. Das Stigma des Nationalsozialismus hat in weiten Teilen der Gesellschaft auch dazu geführt, das Thema Antisemitismus für erledigt zu halten.

Da ist kein reines Problem der politischen Rechten. Die Shoah wird in einem neuen und gerade noch heiß diskutierten „Historikerstreit 2.0“ nicht mehr durch Antisemitismus erklärt, sondern als eine Kontinuität des Kolonialismus und einer rassistischen Gewaltherrschaft. (Beides gab es im Nationalsozialismus, aber die Präzedenzlosigkeit der Shoah leitet sich laut dem israelischen Historiker Yehuda von den Besonderheiten des Antisemitismus ab.) Mit zunehmender Aufklärung über den Antisemitismus steigt also auch die Kreativität in der Abwehr des Begriffes. Aber warum eigentlich?

Um das zu beantworten ist es notwendig, Antisemitismus als eine über Jahrhunderte tradierte Kulturtechnik zu begreifen. Der kulturelle Wert des Antisemitismus liegt in einer Form der Konfliktlösung. Der Weg dahin führt über die Externalisierung der eigenen Konflikte. Zum Beispiel, indem man fragt: „Cui bono? Wer profitiert eigentlich von meinem Konflikt?“. Dahinter verbirgt sich ein ganz einfacher und zugleich menschlicher Wunsch nach Erlösung.

Im Christentum zeigt sich das deutlich am überlieferten Verrat an Jesus Christus durch Judas. Es waren also die Juden, die den Tod des Erlösers zu verantworten haben. Auch für die Nationalsozialisten lag der Schlüssel für eine vom Bösen erlöste Welt in der sogenannten Endlösung der Judenfrage. Antisemitismus ist nicht durch die Konturen politischer Lager begrenzt. Vielmehr sind politische Querfronten ohne den Antisemitismus nicht denkbar. Ganze Länder können bis heute mit dem Repertoire, das antisemitische Bilder und Codes zur Verfügung stellen, innere politische und kulturelle Konflikte auf einen äußeren Verursacher und Nutznießer verschieben.

Große Kulturkämpfe der Geschichte drehten sich immer um das Verhältnis zwischen Modernisierung und Wahrung der Tradition. So war es zum Beispiel auch bei den kulturpessimistischen Vordenkern des Nationalsozialismus, die in der kulturellen Modernisierung und Verwestlichung der Gesellschaft einen Identitätsverlust ausmachten. Für sie waren die Urheber und einzigen Profiteure die Juden.

Seitdem ist die Welt um ein vielfaches komplexer geworden. Das hat auch dazu geführt, dass wir es mit einer Unmenge nicht aufgelöster Konflikte zu tun haben. Gerade die Moderne selbst hat sich in ihrer Geschichte mit viel Schuld beladen, die stärksten Beweise dafür liefern Erkenntnisse aus der postkolonialen Theorie. Diese ist keineswegs an sich antisemitisch, wie leider viel zu oft behauptet wird. Es gibt aber Widersprüche zwischen den Argumenten und Schlüssen, die sich aus der Aufarbeitung des Kolonialismus und der Shoah ergeben. Diese Widersprüche lassen sich nicht auflösen. Sie lassen sich nur aushalten, besprechen und anerkennen. Grenzen gibt es aber trotzdem. Antisemitismus und Rassismus sind solche Grenzen.

Ob es einem passt oder nicht: Es ist für die Mehrheit der Jüdinnen und Juden nicht möglich, in Gesellschaften zu überleben, die sich antimodernen Affekten hingeben – auch wenn die im Namen des vermeintlich Guten artikuliert werden. Die BDS-Bewegung hat eine Schlüsselfunktion im aktivistischen Umfeld der postkolonialen Theorie eingenommen. Das Ergebnis ist, dass Israel nicht nur das einzige Land der Welt ist, dem unterstellt wird, Apartheid, Kolonialismus und Genozid zu betreiben, sondern dem auch ganz offen in progressiven Milieus das Existenzrecht abgesprochen wird. BDS sieht dieses Recht in seinen Forderungen schlicht nicht vor. Damit ist BDS die erfolgreichste internationale Kampagne zur politischen Legitimation von Antisemitismus.

Werner Haftmann wollte die jüdische Kulturgeschichte vergessen machen, um seine eigenen Verstrickungen in das Regime der systematischen Judenverfolgung vergessen zu machen. Wenn den Forderungen des BDS relativistisch begegnet wird, um den Druck auf die internationale Kunstwelt zu veringern, wird der Antisemitismus auf ziemlich selbstgerechte Weise gleich mit relativiert.

Der Text erschien am 01. Juni 2022 auf sueddeutsche.de